Unternehmer:innen gelten als Leuchtfeuer der Unabhängigkeit und stehen für die Bereitschaft, den eigenen Weg zu gehen. Gleichzeitig wirst du überall dazu aufgefordert, dich an einer endlosen Liste von Erfolgsvorbildern zu messen. Woher kommt dieses Bedürfnis, das Leben anderer zu imitieren?
Durch die mediale Fokussierung auf eine oberflächliche unternehmerische Infotainment-Kultur hat sich ein Gegentrend entwickelt, der dazu aufruft, Vergleiche vollständig zu vermeiden. Wohlfühl-Affirmationen in Form von Tweets und Zitat-Grafiken betonen inzwischen ebenso vehement, dass du deine Leistung niemals mit der anderer vergleichen solltest.
Überraschend ist, dass in Wahrheit beide Extreme falsch liegen. Vergleiche bringen zwar ohne Zweifel emotionale Risiken mit sich. Sie gehören aber unweigerlich zum Aufbau eines Unternehmens dazu. Tatsächlich können Vergleiche sogar ein hilfreicher Weg sein, um zu wachsen.
Vergleiche rauben dir die Freude
Der Überzeugung von Theodore Roosevelt, dass Vergleich der „Dieb der Freude” ist, lässt sich schwer widersprechen. Der entscheidende Zusatz lautet jedoch: Die falsche Art des Vergleichs ist die eigentliche Quelle des Problems.
Ungesunde Vergleiche funktionieren wie eine Waage. Ehrgeizige Menschen stellen ihre eigenen Errungenschaften denen von Gleichgesinnten oder persönlichen Held:innen gegenüber. Dieses Vorgehen lässt dich fast zwangsläufig als ewige:r Silbermedaillengewinner:in fühlen. Es gibt unzählige Menschen, die dich scheinbar überstrahlen. Gleichzeitig gerät leicht in Vergessenheit, dass das, was öffentlich sichtbar ist, meist nur eine kuratierte Sammlung von Höhepunkten darstellt. Fehler, Stress und Misserfolge gehören für jede:n dazu. Sie bleiben jedoch meist unsichtbar hinter den Kulissen.
Wenn du dich dauerhaft unzulänglich fühlst, leidet deine Begeisterung und deine Motivation. Doch damit nicht genug. Der falsche Unternehmervergleich kann auch zum Dieb des Erfolgs werden. Sobald du dich zu stark inspirieren lässt, verlagerst du deinen Fokus von zukunftsgerichteten Ideen hin zu einer reaktiven To-do-Liste. Gedanken wie „Wir müssen handeln, der größte Player in unserem Markt hat das bereits gemacht“ bestimmen dann dein Handeln. Währenddessen findet beim vermeintlichen Vorbild intern womöglich ein Meeting statt, in dem genau diese Maßnahme als komplette Zeitverschwendung bewertet wird.
Trotz der vielen Gründe, Vergleiche zu meiden, lohnt es sich nicht, sie vollständig aus deinem Denken zu verbannen. Der bewusste Unternehmervergleich einzelner Aspekte dessen, was aktuell am Markt existiert, kann mit der richtigen Haltung ein gesunder und wertvoller Lernprozess sein.
Vergleich als Lernquelle
Viele Unternehmer:innen starten neue Vorhaben bereits mit einem Wettbewerbsvorteil im Kopf. Gleichzeitig tun alle gut daran, einen Burggraben zu entwickeln, der das eigene Geschäft klar von anderen unterscheidet. Wenn du jedoch davon profitieren willst, was in der Welt fehlt, stellt sich eine entscheidende Frage: Wie willst du Lücken erkennen, wenn du die Bereiche drumherum nicht kennst und ausgefüllt hast?
Zu wissen, was aktuell verfügbar ist, ist der beste Weg, ein geschärftes Qualitätsbewusstsein zu entwickeln. Aus dieser wachsenden Erfahrungsbibliothek heraus kannst du erkennen, was abgedroschen und überstrapaziert wirkt, was frisch ist und was tatsächlich fehlt. Genau hier wird der Unternehmervergleich zu einer wertvollen Lernquelle.
Diese Aufmerksamkeit endet nicht nach den ersten Verkäufen. Sie endet auch nicht nach den ersten tausend. Technologie, Kundenstimmungen und Branchentrends verändern sich ständig. Dadurch verschieben sich auch die Maßstäbe für das, was als nützlich, neu oder begeisternd gilt. Fast alles, was du entwickelst, wird irgendwann kopiert. Mit der Zeit wird es alltäglich. Selbst eine lila Kuh fällt nicht mehr auf, wenn die gesamte Herde lavendelfarben ist.
Hinzu kommt das Thema fehlgeleitete Energie. Marty Neumeier schreibt in seinem Buch The Brand Gap, dass kreative Menschen beschreiben, „wie die Welt sein könnte. Ihr Denken ist oft so neu, dass sie bewusst anders handeln. Manchmal gehen sie in eine Richtung, obwohl eine andere sinnvoller wäre.” Das klingt wie ein freundliches Schulterklopfen. Der Kern der Aussage ist jedoch wichtig. Die Arbeit an deinem Unternehmen erfordert auch Disziplin. Kreativität entfaltet ihren Wert nur dort, wo sie gezielt eingesetzt wird.
Manchmal sind Best Practices tatsächlich die beste Lösung. Du lernst sie nur kennen, wenn du beobachtest, was andere Unternehmer:innen bereits tun. Warum solltest du in einem Bereich innovieren, in dem du gar nicht konkurrieren willst? In vielen Fällen erreichst du mehr, wenn du bewährte Methoden nutzt. Der bewusste Unternehmervergleich hilft dir dabei, genau diese Entscheidungen zu treffen.
Wer etwas Neues erschafft, lädt zu Vergleichen ein
Unternehmen, die auch nur ein Mindestmaß an Zugkraft erreichen, laden automatisch zu Vergleichen ein. Menschen vergleichen ihre Produkte, ihre Marketingkampagnen und, sobald sie groß genug sind, sogar ihre Aktienkurse. Wenn du ein Unternehmen gründest, ist wenig günstig. Vergleiche bekommst du jedoch immer kostenlos dazu.
Anstatt dagegen anzukämpfen, kannst du diese Realität für dich nutzen. Setze Vergleiche bewusst ein, um zu lernen. Nutze den Unternehmervergleich auch, um bessere Entscheidungen zu treffen und wirtschaftlich erfolgreicher zu werden. Dabei ist eines entscheidend: Die, die aufbauen, so wie du, sind auf besondere Weise dazu befähigt, genau das zu schaffen, was die Welt braucht. Lass nicht zu, dass Vergleiche dir etwas anderes vermitteln.
Illustration von Cornelia Li





